Zeit für die nächste Reformation!
Als Luther im 16ten Jahrhundert seine Thesen an die Pforten zu Wittenberg schlug, konnte noch niemand ahnen, dass ihm heute etwa 500 Millionen Menschen darin folgen würden. Wenn ich jetzt zu einer Auflösung des christlich Religiösen aufrufe, dann ist es nicht wichtig, wieviele Menschen mir in 500 Jahren darin gefolgt sein werden, denn die Auflösung der christlichen Botschaft hat bereits begonnen. Viel schlimmer...
...wenn ich jetzt zu einer Auflösung religiöser Konfessionalität auffordere, dann propagiere ich nicht den Atheismus oder einen modifizierten Agnostizismus oder den Tod eines Gottes, sondern ich verweise auf die Möglichkeit eines Gottes für die eine Welt. Eines Gottes, der diese eine Welt umgibt, wie eine Wolke, schleierhaft und unwirklich, niemals eigentlich fassbar und doch so nahe. Dann verweise ich auf einen Gott, der keine Bücher mehr braucht, sondern der sich aus dem Leben selbst lesen lässt. Dann zeige ich auf ein neues Gottesbild, dass ohne Weltkugel und Herrscherstab auskommt und einen für alle in Aussicht stellt. Keine Vorteile mehr für verschleierte Frauen oder knieende Gotteskrieger, keine Extravaganzen für lebensmüde Suizidale, die Hunderte mit ihrem Schicksal verbinden möchten. Keine Riten und Vorschriften mehr für eine Mitgliedschaft in einer Kuscheltrupppe, die sich wie eine Wirtschftsseilschaft der naheliegenden Vorteile bedient, die sich aus den Gruppenregeln und der daraus resultierenden Macht ergeben. Keine Kirchen mehr und keine Bekenntnisse. Keine Gemeinschaften, die ausschließen und verurteilen, nur noch eine Weltgemeinschaft, die individuellen Glauben zulässt und sich auf die Kraft des fraglich Normativen verlässt.
Schluss mit Mitgliedschaft und Schuld. Keine Erbsünde und keine Sakramente mehr, keineThora und keine Bibel, kein Koran und keine andere Geschichte eines Heilsbringers mehr, die sich instrumentalisieren ließe für die Zwecke der Reichen und Regierenden.
Was wir brauchen ist eine freie und unabhängige Denkweise, die Gott als Energie oder Dimension oder Person oder auch als abstraktes Etwas gebraucht, um eigene Schwäche auszugleichen; und das solange bis entweder feststeht, dass es keinen Gott geben kann oder dass "er" wirkt und "ist". Für den letzteren Fall plädiere ich jetzt gleichberechtigt mit dem hoffnungslosen Atheisten, der an die Leere und das Nichts glauben mag ohne hier mehr als einen Satz zu verdienen. Denn wenn "schwarz" folgt, dann ist das Dunkelheit, und totale Dunkelheit macht blind und leer und hoffnungslos und sinnlos für die Zeit danach.
Ich rufe also nach der Gemeinschaft von "Gläubigen", die alle auf ihre Art und Weise dem Guten und sozial Verträglichen folgen, die nach dem Leben kein Ende erkennen können und sich weiter entwickeln wollen in einer unvollkommenen Welt, die wachsen wollen und eingehen wollen in die Einheit mit ihrem göttlichen Kern: Hingebungsvoll, bedingungslos und immer im besten Bemühen um das Ganze. Die sich dabei nicht verlieren müssen und in der Liebe zu ihrem Nächsten und zu sich selbt Kraft und Zuversicht finden, so dass sie am Ende in Allem und in Allen eine Heimsatstt finden mögen, so wahr sie mit Gott in Einklang zu leben lernen.
Deshalb ist es jetzt Zeit die nächste Reformation auszurufen, eine weltweite, die uns endlich von den Fesseln des Religiösen befreit ohne uns von uns selbst und von Gott zu entfernen. Es ist Zeit endlich in Frieden miteinander bestehen zu können, ohne die Ehre, das Bekenntnis oder gar den Wertekanon einer wie auch immer gearteten moralischen Institution verletzen zu können, die sich Religion nennt.
Das Ende der religiösen Verletzbarkeit ist das Ende der Religionen und der Beginn von Individualgöttern, die als "ein Gott" unseren Alltag mit Nachsicht und Toleranz, mit Liebe und Bescheidenheit erfüllen und so diese Welt von weiteren unnützen und abscheulichen Kriegen und von religiöser Verdummung befreien.


