Fukoshima - Fünf Monate danach!
Nun, da bereits einiges Wasser den Fluss Lethe hinunter geflossen ist, kommen wieder einige Meldungen aus dem Lande der roten Sonne. Die Strahlung sei an einem Tag um das 5000fache höher als diejenige, die für einen Mitteleuropäer in einem Jahr erlaubt sei. Die Kernschmelze sei zwar so gut wie abgewendet, aber das Meerwasser sei noch immer radioaktiv verseucht. Verdünnt sich das nicht? Doch. Dann gibt es also erst in etwa 20 Jahren neue Hiobsbotschaften, weil die Wissenschaftler bis dahin zweifelsfrei nachgewiesen haben, dass strahlende Muttermilch den Neugeborenen nicht zuträglich ist.
Die Atomaufsichtsbehörde ist in Verruf gekommen mit den Atombetreibern gemeinsame Sache zu machen. Politiker, die sich von Lobbyisten kaufen lassen!? In Japan? Eigentlich undenkbar. Die sind doch alle so loyal! Nach dem Unfall in Fukoshima würden sie jetzt auf die eigenen Leute losziehen müssen. In den letzten 6 Jahren hatten japanische Staatsoberhäupter eine Überlebenszeit von maximal einem Jahr. Gerade hat sich der letzte Regierungschef verabschiedet. Die Atom-Industrie hat ihn monatelang vorgeführt. Jetzt hat der das Handtuch geworfen.
Trotzdem es gibt keinen Aufstand. Es gibt keine Revolte gegen ein Regime, das die Stromerzeugung über die Gesundheit der Bevölkerung stellt. In vielen Staaten dieser Erde ist die Toleranz gegenüber der Regierenden noch sehr hoch. In vielen Ländern können sich machtbesessene Oligarchen noch leisten, was ihnen von Wirtschaftsmagnaten nahegelegt wird ohne den allgemeinen Nutzen bedenken zu müssen.
In Deutschland ist das nicht mehr möglich: Nach einem zweiten Weltkrieg, nach einem Mauerbau und über Stuttgart 21 lassen wir uns nicht mehr an der Nase herumführen. Wir begehren auf und sitzen auf der Straße, wenn die Politik sich korrumpieren läßt. Es wird höchste Eisenbahn, dass diese Einstellung in der Weltgemeinschaft Fuß fasst! Und es beginnt sich etwas zu regen. In Afrika ist der erste Schritt getan. Es ist aber wohlgemerkt der erste - da ist noch viel demokratische Basisarbeit zu leisten...
Wie blöd muss Mensch eigentlich sein, um sich vom eigenen Staat verstrahen zu lassen und dann beim Aufräumen zu helfen? Ich hätte die Ministerialien und die Atomfabrik-Capos zum Wasserspritzen hingeschickt. Dann wäre es wie mit dem Krieg. Er wäre schnell vorüber.
Chinesen, Inder und Russen bauen ebenfalls kräftig weiter an ihren Atomprojekten. Doch die Weltöffentlichkeit hat bereits alle Augen geschlossen. Einige Dokumentaristen und Spezialblicker treiben sich zwar noch vor Ort herum. Sie werden aber nur erfahren, was wir seit Tschernobyl längst wissen. Der Schrott strahlt weiter und in 20 jahren wird er ebenso strahlen wie in 200.
Das eigentliche Drama liegt also nicht in der Tatsache des Wegsehens. Es liegt vielmehr in der Wirklichkeit des ungebremsten Weitermachens. China ist ein demokratischer Problemfall, ebenso wie viele andere Länder, die den Ausbau der Kernenergie massiv vorantreiben. Die Mitteleuropäische Zurückhaltung (damit ist eigentlich nur die deutsche gemeint) ist also eine Ausnahmereaktion, vielleicht auch eine Reaktion auf einen Krieg, der uns die Dächer vom Kopf geschossen hat und uns noch an "Sichtbare Strahlung" erinnert. Mag sein, dass die Erinnerung an die gut sichtbaren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges jetzt bei uns Deutschen wirksam werden, so dass wir die ersten sind, die begreifen, dass Strahlung tödlich sein kann, auch wenn wir sie nicht sehen.
Die eigentliche Tragödie aber wird noch folgen. Dann nämlich, wenn die nächsten Kessel platzen und die nächsten Katastrophenmeldungen die Länder überschwemmen werden. Das Moloch Strom hat uns fest im Griff. Niemand möchte nachts im Dunkeln sitzen, dann doch lieber im Dunkeln strahlen. Aber trotzdem bleibt zu bezweifeln, ob alle so tapfer wie die zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie sein werden, die die Strahlung aus Forschungsgründen bis zu ihrem Tod freiwillig ertrug.
Wir brauchen eine internationale Front gegen die Kernernergie und eine internationale Bewegung für alternative Energiequellen. Dabei kommte es nicht so sehr auf die Aktivitäten wie auf die Gesinnung an. Jeder, der dagegen ist und für die Alternativen, kann wählen und Meinung verbreiten. Das reicht, um langfristig wirksam die Kernkraft aussterben zu lassen, sonst sterben wir vor ihr und an ihr.


